Blockchain und Public Sector – eine Chance für Startups in der Region Aachen

Aktuell gibt es in Deutschland und auch in der Region Aachen zahlreiche Innovations- und Förderprojekte, um die Potentiale der Blockchain-Technologie vor allem für den Public Sector zu erschließen. Auch für junge Unternehmen und Gründer:innen ergeben sich hier – nach der Gründungswelle rund um Kryptowährungen – neue und ganz konkrete Chancen.

Die Blockchain ist eine neuartige Kombination altbewährter Technologien. Sie besteht aus einer sicheren Datenstruktur, den Blöcken, die in einem dezentralen Netz von Knoten verarbeitet werden. Die Blockchain-Technologie ermöglicht es, nicht veränderbare, fälschungssichere, eineindeutige “Eigentumsrechte” und Identitäten abzubilden. Darin liegt ihr Potential für den Public Sector.

Der öffentliche Sektor – allen voran die Verwaltung – gewährt, verändert, dokumentiert und überträgt Rechte. Diese werden in Registern verwaltet und sind ebenso eineindeutig zugeordnet. Bescheinigungen, Nachweise und Beglaubigungen werden im Geschäftsleben ständig benötigt und verursachen erhebliche Transaktionskosten. Durch Nutzung der Blockchain können diese reduziert werden.

Es wird konkret: Beispiele für die Blockchain-Technologie im öffentlichen Sektor

Im kommunalen Sektor in Deutschland gibt es schon heute praktische Beispiele zur Nutzung der Blockchain-Technologie. So wurde auf ihrer Basis eine Lösung entwickelt, um Zeugnisse auf ihre Echtheit hin zu überprüfen. Immer häufiger werden digitale Unterlagen bei Bewerbungen eingereicht, eine Echtheitsbestätigung ist meist aufwändig. Bereits auf dem Digitalgipfel 2017 hat die regio iT GmbH im Rahmen des Innovation Labs an der Universität Speyer gezeigt, wie die Echtheit von Zeugnissen mit Hilfe der Blockchain überprüft werden kann. Gut, dass sich mittlerweile mehrere Akteure, die am Thema Zeugnisvalidierung und „Distributed Ledger Technology“ (Technik zur Dokumentation bestimmter Transaktionen) arbeiten, unter dem Label „Netzwerk Digitale Nachweise“ zusammengefunden haben: Gemeinsam will man das „Zeugniswesen“ digitalisieren. Erfreulich ist auch, dass der IT-Planungsrat des Bundes und der Länder diesen Ansatz sowie weitere Themen auf Basis der Blockchain-Technologie in einer Arbeitsgruppe berät.

Auch kommunale Unternehmen entdecken aktiv die Blockchain-Technologie. So gibt es in der Elektromobilität Lösungen für das digitale Bezahlen an Ladesäulen und zur Abrechnung von Stromerzeugung sowie für die Lieferung von Nachbarschaftsstrom auf Basis der Blockchain. Im Konzept der Smart Cities und des Internet der Dinge (Internet of Things) wird die Bedeutung von Daten aus der Kommune immer wichtiger. Es besteht also der Bedarf, die Echtheit von Daten, ihre Quelle und ihr Erzeugungsdatum überprüfbar zu machen. Hier gibt es im Government Blockchain Lab eine kommunale Lösung auf Basis der Blockchain-Technologie, die diese Daten wie ein Datennotar digital mit einem Qualitätssiegel versieht. Damit werden diese Daten auch für Datenmarktplätze handelbar.

Über die digitale Identität selbst bestimmen

Ein besonderes Potential der Blockchain-Technologie besteht darin, die digitale Identität der Menschen neu zu denken und zu gestalten. Während es beim Reisepass oder beim Personalausweis völlig selbstverständlich ist, dass man seine „analoge Identität“ bei sich trägt, nutzen viele Menschen die Angebote der digitalen Konzerne wie Amazon, Google, Facebook oder Microsoft, um sich eine digitale Identität „zu schaffen“. Hier wäre eine Alternative mit mehr Datensouveränität absolut wünschenswert: Eine gesicherte – staatlich garantierte – digitale Identität auf dem Smart Device, die jede:r bei sich trägt. Dieses Konzept wird aktuell unter der Bezeichnung „Self Souveränität Identity“ (SSI) von einer Reihe von Partnern vorangetrieben. Das „SSI für Deutschland-Konsortium“ ist ein Zusammenschluss öffentlicher und privater Institutionen, die ein offenes Ökosystem für die Identitätsverwaltung in Europa aufbauen wollen. Im Mittelpunkt der Lösung steht die Möglichkeit, die Identitätsinformationen, die eine Person hat, selbst zu verwalten und zu entscheiden, wann und mit wem sie diese Informationen teilt. Im Testnetzwerk gibt es heute schon neun unterschiedliche Knotenbetreiber. In den nächsten Monaten soll es auf 15 Knoten ausgebaut werden. Ziel ist es, ein Identitätsnetzwerk auf Basis einer europäischen Genossenschaft zu schaffen.

Digitale Geschäftsmodelle für den Strukturwandel

Auch eine weitere Initiative, die auf reale Blockchain-Anwendungen zielt, ist einen großen Schritt vorangekommen: Das Blockchain-Reallabor Rheinisches Revier ist von der Zukunftsagentur Rheinisches Revier als eines der ersten Strukturwandel-Projekte für die Region ausgezeichnet worden. Das Reallabor soll die Blockchain-Technologie im Rheinischen Revier etablieren und mittels eines Hubs für digitale Geschäftsmodelle auch die Ansiedlung von Startups fördern sowie die Unternehmen bei der digitalen Transformation unterstützen. Die Projektergebnisse der ersten Förderphase wurden kürzlich vorgestellt. Voraussichtlich wird das Reallabor „Blockchain-Hub“ im ersten Halbjahr 2021 starten. Auch die Ausschreibung von Projekten ist geplant: Hieran sollen sich dann junge Unternehmen und Unternehmer:innen beteiligen, um so das Potential der Blockchain-Technologie für unterschiedliche Sektoren zu erschließen.

Auf die richtige Infrastruktur setzen

Für den Public Sector bringt die regio iT GmbH das bundesweite Netzwerk der Genossenschaft govdigital eG in das Reallabor mit ein, ein Zusammenschluss von mittlerweile 15 öffentlichen und kommunalen IT-Dienstleistern. Die von der govdigital eG bereitgestellte Blockchain-Infrastruktur soll es dem öffentlichen Sektor zukünftig erlauben, die Blockchain-Technologie in einem sicheren Umfeld für Produkte und Aufgaben in der digitalen Daseinsvorsorge zu nutzen. govdigital eG wendet hierfür das Prinzip der privaten Blockchain an und greift auf zahlreiche zertifizierte Rechenzentren zu. Im Rahmen dieser „Private Blockchain Infrastructure“ können zukünftige Blockchain-basierte Anwendungen gemeinsam mit Unternehmen und Startups für den Public Sector ent­wickelt, implementiert und betrieben werden. Hier bietet sich die Chance, neue Kunden zu gewinnen – und zwar in einer von der öffentlichen Verwaltung und von öffentlichen Unternehmen akzeptierten Infrastruktur.

Dieter Rehfeld ist Vorsitzender der Geschäftsführung der regio iT GmbH mit Sitz in Aachen.

Er ist Mitbegründer und Leiter des Blockchain-Lab der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kommunalen IT-Dienstleister und gilt als gefragter Experte für Blockchain-Technologien. Unter govchain-blog.de bloggt er regelmäßig zum Thema.

Autor: Dieter Rehfeld, Vorsitzender der Geschäftsführung der regio iT GmbH

Zurück nach oben